Philosophie

Dr. Karl Gebauer

Die Göttinger Kongresse für Erziehung und Bildung (GöKEB) richten sich an  Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen, Lehrerinnen, Therapeutinnen, Eltern und an eine interessierte Öffentlichkeit.

Es ist schon Tradition: Im Herbst treffen sich im zentralen Hörsaalgebäude der Georg-August-Universität Personen aus Wissenschaft und Praxis  zu einem Diskurs über aktuelle Erziehungs- und Bildungsfragen.

Anmerkungen zu meinem Erfahrungs- und Arbeitshintergrund

Ich war 35 Jahre als Lehrer tätig, davon war ich 25 Jahre Schulleiter der Göttinger Leinebergschule. Mein Anliegen in den vielen Jahren war es, eine Verbindung von Praxis und Wissenschaft herzustellen.  Kernpunkt unserer Arbeit in der Schule war die wöchentliche Gesprächsrunde im Kollegium. Hier wurden die vielen Alltagsprobleme erörtert. Wir wollten wahrnehmen, wie unsere Schüler*innen ihren schulischen Alltag erlebten. Wir wollten herausfinden, was ihnen das Lernen leicht machte oder erschwerte. Wir eigneten uns Arbeitsmethoden an, mit denen es möglich war, auch schwierige Probleme zu lösen. Manchmal zogen wir Wissenschaftler zu Rate. Aber der Kern unserer Arbeit bestand in der Selbstreflexion des komplexen Feldes von Erziehung und Bildung.

Sinn von Bildung

Die Frage nach dem Sinn von Bildung stand dabei im Vordergrund. Mit einem kritischen Blick beobachteten wir Entwicklungen,  die   dem Vermessen von Bildung oberste Priorität zubilligten. Dass unsere kritische Haltung sinnvoll war, hat sich uns immer wieder bestätigt.  Das bedeutet nicht, dass wir uns von der Wissenschaft abgewendet hätten. Im Gegenteil: Wir spürten, dass Antworten auf die vielen Fragen, die sich in unserer Arbeit stellten, auch von der Wissenschaft kommen mussten. Aber nicht von einer Wissenschaft, die der Ökonomisierung und Bürokratisierung der Schule Vorschub leistete.

„Eine humane Bildung soll den ganzen Menschen in den Blick nehmen, ihn in seiner ästhetischen, emotionalen, ethischen und kognitiven Dimension respektieren.“ (Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung, 2013.)

Beziehungsgestaltung

Aus unserer Sicht ist es ganz entscheidend, ob es Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen gelingt, den Kinder eine emotional tragende Beziehung anzubieten. Die gelingende Gestaltung der vielfältigen Beziehungen, die sich in einer Gruppe oder Klassen entwickeln, gilt es wahrzunehmen, zu analysieren und angemessen zu moderieren

Beziehungsgestaltung – zentrales Thema der Bildungskongresse

Vor diesem Hintergrund widmete ich mich der Gestaltung von Bildungskongressen. Der erste Kongress fand im November 2000 statt. Sein Thema: „Im Teufelskreis der Selbstbezogenheit“. Damals konnte niemand ahnen, dass sich daraus einmal einer der größten Bildungskongresse Deutschlands entwickeln würden. Es war mir  wichtig, dass neben der Säuglings, Bindungs- und Hirnforschung, auch die psychoanalytischen, soziologischen und philosophischen Diskurse im Verlauf der Kongresse gepflegt wurden. Die Bedeutung frühkindlicher Entwicklungs- und Bildungsprozesse stand und steht seit einigen Jahren im Fokus wissenschaftlicher und praxisbezogener Forschungen. Die Göttinger Kongresse für Erziehung und Bildung  griffen diese Themen auf und widmeten ihnen eine besondere Aufmerksamkeit.

Interdisziplinär denken und arbeiten

Der interdisziplinäre Ansatz der Kongresse ist nach den bisherigen Erfahrungen besonders erfolgreich. Die Arbeit in multiprofessionellen Teams wird in der Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Gleichrangig zu den traditionellen Inhalten, die in frühkindlichen Lernprozessen eine Rolle spielen, werden Themen bearbeitet, die sich auf die Rahmenbedingungen beziehen. Hier liegt ein weites Feld, das von den politischen Verantwortungsträgern zu bearbeiten ist.
Für den schönen – aber sehr anstrengenden – Beruf von Erzieherinnen und Lehrerinnen gilt: Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Resilienz, Teamarbeit und Kommunikationsfähigkeit im Blick behalten, damit die Gesundheit nicht verspielt wird.

Formate der Kongresse

Die Themen der Kongresse werden in Vorträgen, Diskussionsforen und Workshops bearbeitet und durch einen Markt der Möglichkeiten ergänzt.
Die Kongresse fanden am Wochenende statt. Erzieherinnen und Lehrerinnen haben eine harte Arbeitswoche hinter sich und beschäftigen sich nun während ihres freien Wochenendes mit Fragen ihres Berufsalltags. Das bedarf einer besonderen Würdigung. So gehörte zu jedem Kongress auch ein kulturelles Rahmenprogramm, das oft von Schüler*innen Göttinger Schulen gestaltet wurde.

Abschied und Übergang

Im Jahr 2016 haben meine Frau und ich den vorerst letzten Kongress gestaltet und verantwortet. Wir hatten uns mit Hinweis auf unser Alter von den ehemaligen Teilnehmerinnen und Mitarbeiterinnen verabschiedet.

Wegen des großen Interesses an der Fortführung der Kongresse haben wir uns entschlossen, an einem Übergang in eine neue Phase mitzuwirken.

So liegt die Verantwortung für den 18. Kongress beim Institut für berufsbezogene Beratung und Weiterbildung (ibbw).

Dr. phil. Karl Gebauer, Göttingen, März 2019