19. Göttinger Kongress für Erziehung und Bildung 2022

SELBSTWIRKSAMKEIT BEFLÜGELT

Kinder und Erwachsene stärken in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche

11./12. November 2022 – Georg-August-Universität Göttingen

Der Ticketverkauf hat begonnen. Bis zum 15.07.2022 steht ein Kontingent von 200 Frühbucher Tickets zum vergünstigten Preis von 88,- EUR zur Verfügung.

In der Erfahrung von Selbstwirksamkeit liegt eine Kraft, die Perspektiven eröffnet und hoffen lässt, dass wir auch gut durch bedrückende Zeiten kommen können. Die ganze Dynamik von Selbstwirksamkeit entfaltet sich dann, wenn wir für unser Tun eine wertschätzende Resonanz erhalten.

Der Begriff Selbstwirksamkeit erinnert viele Menschen an glückliche Momente in ihrem Leben, in denen ihnen in der Vergangenheit etwas gelungen ist und für das sie eine positive Resonanz erhielten. Diese Dynamik löst ein Gefühl von Lebendigkeit aus, das Zuversicht gibt. Es entsteht die Hoffnung, dass auch in der Zukunft Gutes gelingen könnte.

Von den aktuellen Ereignissen in der Welt sind Kinder und Erwachsene gleichermaßen betroffen. Wir wissen noch nicht, welche Spuren sie bei uns hinterlassen und wie sie unser Leben verändern werden. Wir stehen vor der Aufgabe, Bedingungen zu schaffen, die es uns und unseren Kindern ermöglicht, gut durch die Krisen unserer Zeit zu kommen.

Seit über zwei Jahren befinden wir uns in einer weltumspannenden Pandemie, die uns Machtlosigkeit, Angst und Trauer beschert. Die Klimakrise mit ihren spürbaren Auswirkungen und ihrer existentiellen Bedrohung, löst Zukunftsängste und Ohnmachtsgefühle aus. Wir erleben einen Krieg in unserer Nachbarschaft, der uns und unser Leben verändert und die gesamte Welt in Atem hält. Millionen Menschen müssen fliehen, müssen nicht nur ihre Wohnungen, sondern auch geliebte Menschen zurücklassen. Menschen sterben.

In einem Vernichtungskrieg, wie er gegenwärtig in der Ukraine wütet, ist das Ziel die Vernichtung und Auslöschung eines ganzen Volkes. Es ist das Gegenteil von dem, was wir mit Lebendigkeit beschreiben.

Unsere Aufgabe sehen wir darin – trotz der Ungewissheit über die Zukunft – unser Leben und das Leben unserer Kinder gut zu gestalten. Das betrifft auch Kitas und Schulen . Wir stehen vor der großen Frage, ob wir mit unseren Betreuungs- und Bildungssystemen schon auf dem richtigen Weg sind.

Mit dem 19. Kongress für Erziehung und Bildung wollen wir versuchen, Antworten auf diese Frage zu geben

und bieten Anregungen für eine selbstwirksamkeitsförderliche Praxis in Kitas und Schulen an. Wir sehen darin den roten Faden, der sich durch die einzelnen Kongressbeiträge zieht und diese miteinander verbindet.

Richten wir den Blick zunächst auf die Kinder.

Manche von ihnen haben während der Pandemie viel gelitten, alle mussten auf vieles verzichten und Einschränkungen ertragen. „Kinder sind auch das: unglaublich widerstandsfähig. Unglaublich flexibel. Das ist ja ihr Lebensthema: sich Einstellen auf Neues und auch auf Unvorhergesehenes“, schreibt der Wissenschaftler, Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster.1) Und er hebt hervor, wie wichtig für sie gerade in dieser Situation soziale Kontakte, Freundschaften und vor allem Bewegungen aller Art seien. Kinder müssten ihre körperliche Kraft spüren.

Während des Spiels werden im Gehirn Glückshormone ausgeschüttet, die Kinder motivieren, immer wieder aktiv zu werden, Kontakte zu anderen Kindern zu knüpfen, soziale Erfahrungen zu sammeln und die unterschiedlichsten Entdeckungen zu machen. So werden die Grundlagen für forschendes Lernen gelegt. Die freudigen Erlebnisse beim Spiel werden im Gehirn verankert. Es werden die beteiligten Nervenzellen miteinander verknüpft und es bilden sich Strukturen aus, die mit darüber entscheiden, ob sich Kinder gerne neuen Aufgaben zuwenden werden und konzentriert lernen können. Nicole Strüber wird in ihrem Vortrag darauf eingehen und zugleich die Frage stellen, ob unsere Bildungseinrichtungen dieser Aufgabe gewachsen sind. Es gilt, in der gegenwärtigen Situation alles dafür zu tun, dass Kinder Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen können.

Urvertrauen entwickelt sich in den ersten Monaten und Jahren eines Menschenlebens. Es bildet sich dann besonders aus, wenn sich Eltern ihren Kindern empathisch zuwenden, sie begleiten und auch mit ihnen spielen. So tragen sie entscheidend dazu bei, dass über stabile Bindungen Sicherheit und Urvertrauen entstehen können. Karl Heinz Brisch wird über diese Zusammenhänge sprechen und Christoph Moormann wird das von dem amerikanischen Kinderpsychiater Henri Parens entwickelte und von Karl Heinz Brisch als Schulungsmodell ausdifferenzierte Präventionsmodell „Babywatching“ vorstellen.

Es gibt, bedingt durch die Pandemie und den nahen Krieg in der Ukraine, traumatisierte Kinder, was man in der letzten Zeit verstärkt hören und lesen kann. Aber die Aussage, eine ganze Generation sei traumatisiert, wird noch zu klären sein.

Es ist allerdings von großer Bedeutung, dass wir als Gesellschaft die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass ein gesundes Aufwachsen in unseren Kitas und Schulen möglich ist. Erzieher*innen und Lehrer*innen sollten solche Bedingungen vorfinden, dass sie möglichst einen umfassenden Blick auf die Bedürfnisse eines jeden Kindes richten können. Ein Kind muss sich wahrgenommen fühlen.

Hier gilt es kritische Anmerkungen zu machen. Susanne Viernickel wird im Rahmen ihres Vortrags diesen Sachverhalt aus wissenschaftlicher Perspektive betrachten.

In den Kitas und Schulen werden viele Muttersprachen gesprochen. Verständigung unter den Kindern ist anfangs oft nur über Mimik und Gestik möglich. Kinder suchen Kontakte zu anderen Kindern, erwarten eine Resonanz. Es sind glückliche Augenblicke, wenn sie sich verstanden fühlen, sich verständigen können.

Heiner Böttger wird uns die Sprachwelten in den Köpfen der Kinder und ihre gewaltigen Potenziale näher bringen.

Der Kongress stellt ein breites Angebot für den praxisnahen Umgang mit Kindern vor. Mit der Frage, wie die Interessen von Kindern zu entdecken und zu berücksichtigen sind, beschäftigt sich Michael Lichtblau.

Ute Wiese Hast erörtert Präventionsmaßnahmen, die Kindern die Möglichkeit eröffnen, sich gegen drohende Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen.

Die Angebote von Fredrik Vahle, Ute Wieder, Laura Wieder und Kirsten Rickmann eröffnen vielfältige Formen der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Kinder und Erwachsene werden angeregt, eine bunte Palette von Ausdrucksmöglichkeiten zu erleben.

Wenn sich Kinder gehört und verstanden fühlen, erleben sie in der konkreten Beziehung das, was wir Resonanz nennen. Dieser Prozess schafft Lebendigkeit. Dazu gehört es auch, dass Kinder belastende Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle wie Angst und Ohnmacht zum Ausdruck bringen dürfen.

Neben den bekannten traumatherapeutischen Ansätzen ist es wichtig, dass Kinder auch im Kita- und Schulalltag eine Situation vorfinden, in der sie ihre Gefühle äußern dürfen.

Hier bedarf es einer besonderen Stärke und Haltung seitens der sie zu betreuenden Personen. Meera Drude wird sich im Verlauf dieses Kongresses verstärkt damit auseinandersetzen und unterstützende Angebote in Vortrag und Workshop vorstellen.

Elisabeth Raffauf wird Antworten auf die Fragen geben, wie wir mit Kindern über Krieg, Terror und Gewalt sprechen können, ohne sie zu ängstigen und ohne unsere Ängste auf sie zu übertragen.

Ulrike Wolpers zeigt an einem Beispiel, wie Kinder den sicheren Umgang mit Computerspielen lernen können und welche Rolle die Eltern dabei spielen.

Olaolu Fajembola & Tebogo Nimindé-Dundadengar laden uns zu einer Reise in ihre Kindheit ein. Sie berichten über ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus, auch ihr „Verwobensein“ in rassistische Strukturen, vor allem aber über den „Neuaufbau des eignen Ichs“. 3)

Im Kern geht es bei gelingenden Bildungsprozessen um die Entwicklung und Förderung von emotionalen, sozialen, ästhetischen und kognitiven Fähigkeiten. In ruhigen Zeiten ist das alles möglich, aber wir leben nicht in ruhigen Zeiten.

Marina Weisband gibt einen interpretierenden Einblick in die aktuelle weltpolitische Gemengelage, deutet an, wie aus ihrer Sicht Perspektiven aussehen könnten, damit autoritäre Systeme nicht die Oberhand in der Welt gewinnen. Demokratielernen kann bereits in der Kita beginnen, wie das Angebot von Hermann Veith zeigt.

Damit sind Grundlagen für ein lebenslanges selbstständiges Lernen und für politisches Handeln beschrieben.

Es gibt allerdings eine große Diskrepanz in den Lebensverhältnissen von Kindern. Viele Kinder leben in großer Armut, oder sind aktuell ohne Heimat. Andere Kinder wiederum leben im Überfluss. Manche von ihnen sind durch die Krisen unserer Zeit traumatisiert.

Das ist die eine Seite. Und wie sieht es auf der anderen Seite aus?

Kitas und Schulen werden mit immer mehr Aufgaben konfrontiert und es herrscht vor allem in Schulen weiterhin ein starker Leistungsdruck, dem vor allem Kinder aus anregungsarmen Familien nicht gewachsen sind. Verantwortlich dafür ist ein Schulsystem, das den Gedanken einer humanistischen Bildung in den Hintergrund und den ökonomischen Aspekt in den Vordergrund aller Bildungsbestrebungen rückt. Dass das nur begrenzt funktioniert, zeigen u.a. die hohen Zahlen von Schulabbrechern und der Fachkräftemangel.

Die Neurobiologin Nicole Strüber hebt in ihrem lesenswerten Buch „Corona Kids“ hervor: „Doch auf politischer Ebene scheint hinsichtlich der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen Ratlosigkeit zu herrschen. Im Mittelpunkt steht vor allem die Frage: Wie kann es uns gelingen, den verpassten Lernstoff möglichst effizient in die Gehirne unserer Kinder zu füllen.“2)

„Es ist wichtig, was zwischen den Menschen geschieht“, sagt Klaus Kokemoor und wird dies anhand von Videosequenzen konkretisieren. Seine Beispiele machen deutlich, wie Kinder ihre individuelle Kraftquelle erkennen und wie sie innere Stärke und Widerstandskraft (Resilienz) entwickeln können.

Zu Beginn des Kongresses werden unsere Gäste von den „Weitblickern“, einer Schauspiel-Schüler-Gruppe unter der Regie von Agnes Giese und Julius Brockmann, begrüßt. Eine erste und umfassende Orientierung im Foyer des großen Hörsaalgebäudes entsteht vor unseren Augen. Lassen Sie sich überraschen.

Die vielen inhaltlichen Angebote, die der Kongress in unterschiedlichen Formaten anbietet, eröffnen die Möglichkeit, den eigenen Wissenshorizont zu erweitern, und sie zeigen zugleich beispielhaft und praxisorientiert auf, wie Lehrende und Erziehende Kraft für die Arbeit in Kitas und Schulen schöpfen können.

„Gelassen bleiben“, rät unser Referent Felix Gaudo. Er wird uns am Ende des Kongresse zeigen, wie Humor bei der Stressbewältigung helfen kann.

Selbstwirksamkeit wird zu einem Lebenselixier, wenn wir den dynamischen Prozess verstehen und beachten, der sich zwischen der Erfahrung des eigenen Handeln und der darauf folgenden Resonanz ereignet.

Wir hoffen und wünsche, dass der Kongress für Sie und auch für uns selbst zu einer neuen Kraftquelle wird.

Ihr Kongressteam

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  1. Renz-Polster, Herbert (2022): Kind sein heute, was wir aus der Krise lernen können? https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/kind-sein-heute-was-koennen-wir-aus-der-krise-lernen/
  2. Strüber, Nicole (2021): Corona Kids, Beltz-Verlag, Weinheim, S. 14
  3. Fajembola, Olaolu / Nimindé-Dundadengar, Tebogo (2021): Gib mir mal die Hautfarbe. Mit Kindern über Rassismus sprechen, Beltz-Verlag, Weinheim,S. 227 ff.

Eine Veranstaltung von: Göttinger Kongresse für Erziehung und Bildung in Kooperation mit dem Netzwerk Lehrkräftefortbildung (NLF) der Georg-August-Universität Göttingen.