Heide Marie Syassen

syassenDie Philosophie der Reggio Pädagogik und was wir daraus lernen können

Die Pädagogik der Kindertagesstätten in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia hat weltweit großes Aufsehen erregt. Seit dreißig Jahren gehen Ausstellungen um die Welt, welche die Arbeit und das Lernen von Kindern und Erzieherinnen dokumentieren und Fachleute immer wieder in Erstaunen versetzen.

Inzwischen hat diese Pädagogik die elementarpädagogische Landschaft in vielen Ländern geprägt. Wem ist die Metapher von den 100 Sprachen der Kinder nicht bekannt?

Orientierungs- und Bildungsempfehlungen auch in unseren Ländern sind durchaus von der „neuen Entdeckung des Kindes“ beeinflusst. Das „Erziehungsmodell“ der Reggianer ist erstmals Bestandteil des Lehrplans im Fach Erziehungswissenschaften für das Zentralabitur 2011 in NRW.

Was also ist das Besondere an dieser Pädagogik? Was überzeugt denn so?

Reggio Pädagogik ist kein „Konzept“, kein „Ansatz“, sondern eher eine Philosophie. Es geht um Grundhaltung und Menschenbild. Und es geht um neue Erkenntnisse der Wissenschaft über die Frühe Kindheit. Im Mittelpunkt dieser Philosophie steht das Kind als sprudelnde Quelle mit seinem unerschöpflich großen Potential, das sich entwickeln will und gute Begleitung braucht.

Was aber genau verstehen die Reggianer unter „Begleitung?“ Begleitung statt Anleitung- was heißt das?

Es geht um das Individuum und um Gemeinschaft, um Räume und Atmosphäre, um Projektarbeit und Dokumentation. Wenn wir in unserer persönlichen und professionellen Haltung gegenüber Kindern und ihrer Entwicklung „offen“ sein wollen, müssen wir unsere pädagogischen Denk- und Handlungsmuster sehr gut überprüfen! Es geht um eine Pädagogik, von Menschen gelebt, die sich tatsächlich am Kind orientieren. Die die Entwicklung jedes Kindes beachten und somit erkennen, was das Kind braucht und was es lernen will und wofür sich die begleitende Erzieherin einsetzen muss. Es geht um Beachtung, Wertschätzung und Respekt. Wenn wir Kinder mit „erhobenem Kopf“ erziehen wollen, brauchen wir ein hohes Maß an kritischer Auseinandersetzung mit der Berufsrolle und ebenso der eigenen Persönlichkeit und Identität.

Heide Marie Syassen, geb. 1954; Erzieherin, Leiterin eines Familienzentrums NRW / Kommunale Kindertagesstätte in Bielefeld; Sozialtherapeutin DFS e.V.; ECHA specialist in pre-school gifted education, Universität Münster/Nijmegen; Lizenzierte Trainerin der Gesellschaft für Ganzheitliches Lernen e. V.; Gründungsmitglied und Regionalsprecherin von Dialog Reggio e. V.; Vollblut – Praktikerin mit Kopf Herz und Hand seit 1974; Als Fortbildungsreferentin im psychosozialen Arbeitsfeld seit mehr als 25 Jahren aktiv mit den Schwerpunkten in Team- und Leitungsberatung: Selbsterfahrungsorientierte Profilbildung, Entwicklung einer eigenen Hausphilosophie, MitarbeiterInnenführung und –motivation, Selbstmanagement, Konfliktmanagement, Supervision; Ausbilderin von Fachkräften für Reggio Pädagogik in Kooperation mit der Ruhr Campus Academy der Universität Duisburg/Essen und Dialog Reggio in Mainz-Bingen, Kiel und Bielefeld; Gründerin und Betreiberin von INCONTRO Netzwerk für Beratung, Fortbildung und Qualitätssicherung in Bildung und Erziehung.