„Inklusion sollte eine Haltung und kein Programm sein!“

Keller

Prof. Dr. Keller

Dr. Karsten Herrmann im Gespräch mit Prof. Dr. Heidi Keller

Dr. Karsten Herrmann: Bei der Inklusion geht es im Kern ja auch darum, Vielfalt anzuerkennen und als Chance und Ressource zu nutzen. Was ist dafür nötig?

Prof. Dr. Heidi Keller: Dazu ist ein radikales Umdenken nötig. Bisher können wir diese Absicht zwar in vielen Formulierungen finden, in Orientierungsplänen, in Kitakonzepten, in politischen Statements usw., aber es wird völlig verkannt, was das tatsächlich bedeutet. Dieses Umdenken impliziert in erster Linie, die eigene Sicht der Welt zu relativieren und zu akzeptieren, dass es immer mehrere Sichtweisen auf Sachverhalte gibt, die nicht mit besser oder schlechter zu bewerten sind, sondern gleichwertig nebeneinander stehen. Und dann besteht die größte Herausforderung darin, dies auch im eigenen Verhalten zu verankern und im Alltag zu leben. Leider sehe ich zur Zeit noch nicht, dass gelebte Vielfalt wirklich zugelassen wird. Das setzt nämlich voraus, dass die Fokussierung auf das Individuum und den Selbstbezug, den wir für psychisch gesund halten, ersetzt wird durch eine Sichtweise, die immer auch die anderen berücksichtigt. Das bedeutet auch, dass ein Wir – Gefühl entsteht, das auf Heterogenität basiert.

Die Eingewöhnung in die Kita ist hier ein gutes Beispiel. Die vorherrschende Meinung ist dass eine an der Bindungstheorie orientierte langsame Eingewöhnung, meist nach dem Berliner Modell, das Beste für alle Kinder ist. Das ist genau genommen eine dogmatische Haltung, die in der Praxis auch viel Gegenwind erfährt, wenn nämlich manche Eltern diese Einschätzung nicht teilen. Es wird aber wenig nach den Beweggründen dieser Familien für ihre Sicht der Dinge gefragt. Ihre Haltung wird auch häufig nicht akzeptiert, sondern sie werden bewertet und versucht auf  „unsere“ Ideologie einzuschwören.

Vielfalt ist in der Tat eine Ressource, die in unserer Gesellschaft kaum genutzt wird. Im Falle von Migranten können wir sehen, dass Menschen, die Vielfalt leben können, gesünder, glücklicher, gebildeter und ökonomisch besser gestellt sind als Menschen, die auf ein ihnen fremdes Modell eingeschworen werden. 

Herrmann: Findet die kulturelle Vielfalt in der Debatte um Inklusion aus Ihrer Sicht genügend Berücksichtigung?

Keller: Mich stört an dieser Diskussion um Inklusion, dass alle, die nicht dem mainstream angehören, in einen Topf geworfen und mit einem Label bedacht werden. Insofern finde ich es gar nicht schlecht, wenn kulturelle Vielfalt als eigenständige Thematik behandelt wird. In der Inklusionsdebatte geht es ja nicht wirklich um die Haltung, Vielfalt zu leben, sondern um Programme für Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund, um es einmal plakativ auszudrücken. Haltung bedeutet aber, Offenheit, Akzeptanz und Gleichwertigkeit als Programm zu haben. Inklusion sollte in diesem Sinne eine Haltung und kein Programm sein. Da sehe ich aber noch kein Land in Sicht!

Herrmann: Welche Rolle spielen die Eltern im Inklusionsprozess?

Keller: Eltern, bzw. die Familie – in vielen Kulturen sind nicht nur die Eltern für die Entwicklung und Erziehung von Kindern verantwortlich – sind die wesentliche Sozialisationsumwelt von Kindern und haben den größten Einfluss auf deren Entwicklung. Die Familie filtert auch den Einfluss, den außerfamiliäre Maßnahmen und Institutionen haben. Dabei wird aber noch zu wenig bedacht, dass Eltern und Familien nicht in einem luftleeren Raum existieren, sondern in einem sozialen Milieu, das wiederum von vielen ökologischen und ökonomischen Faktoren gesteuert wird. Zum Beispiel ist der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland in hohem Maße abhängig von dem Bildungsmilieu der Familie, und das ist wiederum stark sozioökonomisch bedingt. In Finnland, wo ein solcher Zusammenhang vor Jahrzehnten ebenfalls bestand, ist dieser inzwischen weitgehend verschwunden – warum hält er sich in Deutschland? DAS sind Fragen, die es stärker in den Blick zu nehmen gilt.

Herrmann

Dr. Herrmann

Das Gespräch führte Dr. Karsten Herrmann vom Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe).