Prof. Dr. Timm Albers

albersSprache ist kein Trainingsprogramm – Wie (mehrsprachige) Kinder im Alltag von Kindergärten und Krippen unterstützt werden können 

Sprache verbindet die soziale und die kognitive Welt von Kindern und stellt ein bedeutendes Mittel zur Interaktion dar. Der bildungspolitische Fokus auf Sprachförderung begründet sich jedoch vor allem in der Tatsache, dass der Schulerfolg eines Kindes eng mit seinen sprachlichen Fähigkeiten verknüpft ist. Dem fachlichen Konsens über das hohe Potenzial von sprachlicher Unterstützung im Vorschulalter stehen widersprüchliche Forschungsergebnisse über die Effektivität solcher Maßnahmen gegenüber. So konnte in der EVAS-Studie (Roos et al. 2010) kein Unterschied zwischen den Wirkungen von spezifischen Sprachförderprogrammen und einer unspezifischen sprachlichen Unterstützung im Alltag der Kita auf die Sprachkompetenz der untersuchten Kinder festgestellt werden. Der Vortrag richtet daher den Fokus auf die sprachliche Bildung im Alltag von Krippen und Kindergärten. Diese kommt allen Kindern zugute und stellt die Interaktion zwischen Kindern und Fachkräften als wichtigen Einflussfaktor auf den Spracherwerb heraus. Sprachliche Bildung ersetzt dabei weder die punktuelle und systematische Sprachförderung für Kinder, bei denen ein Förderbedarf ermittelt wurde noch die Sprachtherapie für Kinder, die durch sprachtherapeutische und logopädische Fachkräfte in der Regel außerhalb der Kindertageseinrichtung durchgeführt wird. Kinder erwerben im Verlauf ihrer Entwicklung eine Reihe von Kompetenzen, um in den Dialog mit Erwachsenen und anderen Kindern treten zu können. Dabei wird der Spracherwerb stets durch einen für das Kind sinnvollen, handlungsbezogenen und dialogischen Sprachgebrauch seiner sozialen Umwelt initiiert. In der Interaktion mit Eltern und frühpädagogischen Fachkräften sind Kinder auf ein responsives Verhalten ihres Gegenübers angewiesen, das sich dadurch kennzeichnet, dass der Erwachsene sich sensibel gegenüber der kindlichen Äußerung zeigt und prompt und adäquat darauf reagiert. Grundlage der Interaktion zwischen Kind und pädagogischer Fachkraft ist daher eine stabile Beziehung, die durch Akzeptanz, Offenheit und aufrichtiges Interesse am Kind bestimmt ist. Als besonders wirkungsvolles Format in Kindertageseinrichtungen wird das dialogische Bilderbuchlesen beschrieben, in dem die Fachkraft das Medium Buch und Schrift zum Einstieg in den Dialog mit einer Kleingruppe von Kindern nutzt und dabei den Kindern einen hohen Gesprächsanteil ermöglicht. Das Richten der Aufmerksamkeit auf den thematischen Fokus des Kindes, multiple Äußerungen zum gleichen Thema, sowie Fragen und Erwiderungen auf die kindlichen Äußerungen beeinflussen den kindlichen Spracherwerb positiv.

Dr. Timm Albers, Junior Professor an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, Institut für Bildungswissenschaft. Seit 2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover, seit 2007 Akademischer Rat in der Abteilung allgemeine und integrative Behindertenpädagogik und sonderpädagogische Soziologie. Seit dem Sommersemester 2010 ist er Gastprofessor der Freien Universität Bozen, Fakultät für Bildungswissenschaften im Laureatsstudiengang Bildungswissenschaften für den Primarbereich. Der Laureatsstudiengang qualifiziert für die Ausübung des Erziehungs- und Unterrichtsberufes im Primarbereich (Kindergarten und Grundschule).

Prof. Dr. Annedore Prengel

prengelLehrer-Schüler-Interaktionen zwischen Anerkennung und Verletzung – Empirische und theoretische Studien zu einem existenziellen Thema 

Unterrichtliches Geschehen geht immer auch mit Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden Menschen einher. Die Qualität der Lehrer-Schüler-Interaktionen hat existentielle Bedeutung für Kinder und Jugendliche, denn es ist für ihre Entwicklung und für ihr Lernen folgenreich, ob und wie sie die Erfahrung machen akzeptiert oder abgelehnt zu werden.

Was wissen wir aufgrund alltäglicher Erfahrungen und wissenschaftlicher Untersuchungen über die Praxis von Lehrpersonen auf der Beziehungsebene? Welche Theorien sind hier erhellend? Obwohl es gegenwärtig sehr wenige einschlägige Studien gibt, belegen die Befunde, dass Lehrpersonen auch in schwierigen Situationen anerkennend und geduldig mit Lernenden umgehen, aber dass sie sie häufig auch diskriminieren, verletzen und lächerlich machen. Dabei kommen auch ambivalente Handlungsweisen vor, in denen Anerkennung und Missachtung sich spannungsreich vermischen. International gilt: Unter den gleichen strukturellen Bedingungen handeln einzelne Lehrkräfte sehr verschieden.

Der Beitrag stellt theoretische Zugänge, Daten und Fallbeispiele zu anerkennendem und verletzendem pädagogischen Handeln vor und fragt danach, welche Maßnahmen geeignet sind, professionelle Haltungen der Feinfühligkeit und Responsivität in Schulen zu stärken und verletzendes Lehrerhandeln weder zu tabuisieren noch zu tolerieren. Solche Maßnahmen sind sowohl im Interesse der individuellen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler als auch im Interesse einer demokratischen Sozialisation im Bildungswesen und schließlich auch im Interesse von Lehrerinnen und Lehrern bedeutsam.

Prof. Dr. Doris Bischof-Köhler

Bischof-KöhlerEmpathie, Mitgefühl und Grausamkeit und wie sie zusammenhängen 

Mobbing in Schule und Betrieb, Misshandlungen und Gewaltexzesse, Mord und Totschlag – die sich häufenden Vorkommnisse ließen die Frage nach den Ursachen immer dringlicher werden, und damit rückte auch das Thema Empathie in den Fokus der Diskussion. Wo bleibt das Mitgefühl? Verstehen die Täter nicht, was sie dem Opfer antun? Geht ihnen die Fähigkeit ab, sich empathisch einzufühlen? Was ist in ihrer Biographie schief gelaufen?

Was ist überhaupt Empathie, wie entwickelt sie sich, wie wirkt sie sich auf das Handeln aus, kann man sie fördern? In Beobachtungsstudien an der Universität Zürich sind wir diesen Fragen genauer nachgegangen. Empathie umfasst emotionale und kognitive Prozesse. Emotionales Mitempfinden tritt als Gefühlsansteckung bereits von den ersten Lebenstagen an auf. Die bloße Resonanz von Emotionen genügt indessen allein noch nicht, um zu erkennen, dass es beim eigenen Mitempfinden eigentlich um die seelische Verfassung des anderen geht. Die Unterscheidung von eigener und fremder Erlebniswelt gelingt erst, wenn das Kind im zweiten Lebensjahr ein Selbstkonzept ausgebildet hat und sich selbst im Spiegel erkennt. Sobald Kinder dieses Entwicklungsstadium erreicht haben, zeigen sie Mitgefühl mit einer Person in Not und prosoziale Interventionen.

Es wäre allerdings kurzsichtig, Empathie mit Mitgefühl gleichzusetzen. Ob empathisches Mitempfinden zu prosozialem und moralischem Verhalten führt oder direkt zum Gegenteil, hängt von Bedingungen ab, die zusätzlich analysiert werden müssen. Hier sind vor allem das familiäre Klima und spezifische Sozialisationsbedingungen zu diskutieren.

Doris Bischof-Köhler ist Professorin für Psychologie an der Ludwig Maximilian Universität, München. Sie hält Vorlesungen zu Themen aus der Entwicklungspsychologie und betreut eine Projektgruppe zur Untersuchung kognitiver und motivationaler Veränderungen bei Drei- bis Sechsjährigen.

Prof. Dr. Gernot Böhme

boehme„… gut Mensch sein. Über die Bedingungen von Humanität in der technischen Zivilisation“

Der Entwicklungsprozess des Menschen endet nicht mit dem Erwachsen-Werden. Im Gegenteil: dann beginnt die eigentliche Aufgabe der Selbstbildung, der Sorge-um-sich (Sokrates). Doch wer ist sich dessen bewusst? Bewusstsein entsteht durch einen Mangel, durch die Erfahrung des Negativen. In diesem Fall: Der Mensch in der technischen Zivilisation bemerkt, dass ihm eigentlich entgeht, was es heißt ein Mensch zu sein, mehr noch, dass er seiner Lebendigkeit nicht inne wird. Heißt Leben Funktionieren? Macht uns der Fortschritt der Medizin zur Maschine? Vergeht uns in der Bilderflut die Wahrnehmung und die affektive Teilnahme an dem, was in unserer Welt geschieht?

Der Vortrag entwickelt die These, dass die ethische Grundaufgabe darin besteht, gut Mensch zu sein. Es kommt nicht primär darauf an, gute Taten zu vollbringen, sondern, was Mensch zu sein heißt, gut zu vollziehen. Diese These hat weitgehende Konsequenzen für unser Verhältnis zu uns selbst, insbesondere zu den pathischen Existenzsweisen. Im Unterschied zu klassischen Ethik kommt es weniger auf die Taten an, als vielmehr auf das Pathische: unsere Beziehung zu Empathie, Leiden, Krankheit, allgemeiner zur betroffenen Selbstgegebenheit.

Prof. Dr. Gernot Böhme studierte Mathematik, Physik, Philosophie. 1969-1977 wiss. Mitarbeiter am Max- Planck-Instiutut zu Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt (C.F.v. Weizsäcker, J. Habermas), 1978-2002 Professor für Philosophie an der TU Darmstadt. Seit 2005 Direktor des Instituts für Praxis der Philosophie e.V., IPPh. www.ipph-darmstadt.de. 1. Vorsitzender der Darmstädter Goethe-Gesellschaft

Christian Felber

felberEmpatische Wirtschaft – Gemeinwohl-Ökonomie statt Finanz-Kapitalismus 

Die Gemeinwohl-Ökonomie, in den letzten zwei Jahren von einem wachsenden Kreis von Unternehmen ausgearbeitet, ist eine konkrete Systemalternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Sie baut auf denselben Werten auf, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Kooperation, Verantwortungsübernahme, Solidarität und Teilen. Je sozialer, ökologischer und demokratischer Unternehmen wirtschaften und sich organisieren, desto leichter werden sie es in Zukunft haben. Dafür sorgt im Herzen des Modells die Gemeinwohl-Bilanz, die all das misst, was in Geld nicht ausgedrückt werden kann, für Mensch und Natur aber essentiell und heilig ist. Je besser das Gemeinwohl-Bilanzergebnis, desto spürbarer die rechtlichen Vorteile für das Unternehmen.

Im Vortrag werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Modells und die wachsende Breite der Bewegung vorgestellt (UnterstützerInnen, PionierInnen, BeraterInnen, AuditorInnen, Energiefelder, Verein).

Danach wird die Arbeit an der Bilanz geübt und praktische Fragen geklärt: Wir wirkt sich das Gemeinwohl-Bilanzergebnis auf die Finanzbilanz aus? Wie auf die Beschäftigten? Wie kann der Übergang geschafft werden? Ist Demokratie im Unternehmen und systemische Kooperation statt systemischer Kon(tra)kurrenz lebbar? Diese Fragen werden nicht nur theoretisch, sondern anhand praktischer Beispiele geklärt.

Christian Felber, geboren 1972, studierte Romanische Sprachen, Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie in Wien und Madrid. Er ist die prominenteste Stimme der Globalisierungskritik in Österreich, Mitbegründer von Attac, erfolgreicher Autor, freier Tänzer, Universitätslektor und internationaler Referent: www.christian-felber.at. Zuletzt erschienen bei Deuticke: Das kritische EU-Buch (hrsg. von Attac, 2006), 50 Vorschläge für eine gerechtere Welt (2006), Neue Werte für die Wirtschaft (2008), Kooperation statt Konkurrenz. 10 Schritte aus der Krise (2009), Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft (2010, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2012) und Retten wir den Euro! (2012).

Dr. Albert Fischer

fischerSchülercoaching: Was Dialoge mit Schülern bewirken können 

„Der Coachlehrer hat mir das Gefühl gegeben, dass ich auch ernst genommen werde als Schüler und dass ich als Schüler auch was erreichen kann. […] Ziele gesetzt, die ich festhalten konnte […], das hat mich sehr motiviert, weiter auf die Schule zu kommen und die Schule erfolgreich zu beenden.“

Gecoachte(r) Schüler(in), anonym, zur Frage: „Was finden Sie am Coaching besonders gut?“ (Evaluierung im Mai 2012)

„Persönliche Gespräche; Verbesserung/Intensivierung der Beziehung zu den Schülern; dadurch spürbar besseres Lehr-, Lernklima; letztlich besseres Lernverhalten, bessere Lernergebnisse der gecoachten Schüler/-innen.“

Coachende Lehrkraft, anonym, zur Frage: „Was finden Sie am Coaching besonders gut?“ (Evaluierung im Mai 2012)

An den fünf berufsbildenden Schulen des Landkreises Göttingen werden seit über einem Jahr ca. 300 Schülerinnen und Schüler von rund 100 Lehrkräften in regelmäßigen Einzelgesprächen gecoacht. Das dabei praktizierte Schülercoaching basiert auf einem der freien Wirtschaft entlehnten Coachingansatz. Kernprinzip: Es ist nicht der Coach, der Lösungen vorschlägt oder gar vorgibt. Es ist der Coachee selbst, der – im Dialog mit dem Coach – über seine Situation nachdenkt und neue Handlungsoptionen entwickelt. Im Workshop wird zunächst das im Landkreis Göttingen praktizierte Modell von Schülercoaching vorgestellt. Sodann werden dadurch erzielbare Effekte aufgezeigt.

Dr. Albert Fischer, ist Lehrer an der Göttinger Arnoldi-Schule. Bis zum Schuljahr 2011/2012 war er Lehrer an den Berufsbildenden Schulen Münden und von 2007 bis 2011 Leiter des dortigen Coachingprojekts sowie Mitbegründer des „Schülercoachings nach dem Mündener Modell“. Im Schuljahr 2011/2012 war er Koordinator des vom Niedersächsischen Kultusministerium geförderten Pilotprojekts zur Implementierung des „Schülercoachings“ an allen berufsbildenden Schulen des Landkreises Göttingen.

Prof. Dr. Annelie Keil

keilDialoge mit der Ordnung, Fragilität und biografischen Offenheit unseres Lebens 

Dialog und Empathie sind nicht, sondern werden. Wir Menschen werden nicht als empathische und dialogfähige Wesen geboren, sondern müssen als bedürftige, fragende und lernende Menschen praktisch werden, um zu erfahren, dass menschliches Dasein immer Mitsein ist und wir zwischen Geburt und Tod immer tiefer wie neu konkret fühlen, denken und handeln lernen müssen, um zu werden, was wir sein wollen, können, sollen oder dürfen. Das Sein ist der Erkenntnis voraus und Leben findet nicht als Trockenübung statt. Wie klug wir auch vorab beschreiben mögen, worum es im eigenen wie im Zusammenleben gehen soll, was wir erreichen oder als Risiko vermeiden wollen, so klar und nachhaltig entsteht der Dialog und die Empathie mit allem, was lebt, mitten im Leben selbst. Nur so kann der Mensch die ungeheure und umwälzende Kraft der Liebe, des Glaubens und des Vertrauens wie der begründeten Hoffnung auf Zukunft erfahren und die Schmerzen aushalten lernen, die mit dem drohenden Verlust dieser jedem Menschen innewohnenden Potentiale verbunden sind. Es kommt darauf an, das Hoffen, die Empathie und das biografische Leben im Dialog zu lernen, weil die alle drei keine Arbeit scheuen, sondern ins Gelingen statt ins Scheitern verliebt sind. Dialog und Empathie sind wie eine Art „Affekt“, bergen eine „Lust“, aus sich herauszugehen, den Menschen weit zu machen statt ihn zu verengen und nach Bündnispartnern zu suchen. Die Arbeit dieser Affekte verlangt Menschen, die sich ins Leben hineinbegeben, ihr eigenes Leben, ihre Gesundheit, Bildung und Erziehung und vieles mehr zu ihrer „Angelegenheit“ machen und tätig werden. „Hoffnung erträgt kein Hundeleben“ (Bloch), Liebe und Empathie auch nicht. Sie richten sich gegen die Urheber und Ursachen der Lebensangst, gegen die Erstarrung und Verpanzerung, die unser Denken, Fühlen und Handeln festnageln und suchen in den Welten des konkreten Lebens, was dem Leben der Menschen hilft, weil es nur da zu finden ist. Wir kennen den Preis nicht, den es kostet, ein selbstbestimmtes Leben im Dialog mit allem, was lebt, zu führen und Empathie zu entwickeln, aber wir sollten keine Kosten scheuen, weil wir kein zweites Leben in der Tasche haben. Entlang dieser Hypothesen wird der Vortrag die biografischen Ordnungen des Lebens, ihre Fragilität wie ihre Offenheit für die notwendigen Entwicklungen in den Blick nehmen.

Annelie Keil, geboren 1939, aus der Erfahrung von Waisenhaus in Polen, Krieg, Gefangenschaft Flucht und dem Leben mit Sozialhilfe als Kind und Jugendliche viel gelernt; Studium der Politischen Wissenschaften, Soziologie u. Pädagogik in Hamburg, in den 60iger Jahren durch die Studenten- und andere Bewegungen wacher geworden und weiter gelernt; 1968 Promotion, 1969-71 Assistentin und Akademische Rätin an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, 1971 Berufung als Professorin an die Universität Bremen, Arbeitsbereiche: Sozialarbeitswissenschaft, Gesundheitswissenschaften, angewandte Biographie- und Lebensweltforschung. Gründungsmitglied u.a. des Zentrum für Public Health, des Netzwerk „Zukunftsgestaltung und seelische Gesundheit Bremen“ (EXPO Projekt), des „Forum Lehren und Lernen“ . Umfangreiche Vortragstätigkeit, Radio- und Fernsehsendungen zum Bereich Gesundheit, Psychosomatik und Lebenskompetenzen, ehrenamtliche Mitarbeit in unterschiedlichen psychosozialen und Bildungsprojekten im In- und Ausland; Mitbegründerin und nach der Pensionierung weitere Durchführung des wissenschaftlichen Weiterbildungsstudiums „Palliative Care“ an der Universität Bremen, 1992 erste Preisträgerin des Berninghausen Preis für ausgezeichnete Lehre, 2004 Bundesverdienstkreuz für die ehrenamtliche Arbeit in verschiedenen Projekten, besonders der Jugendarbeit; seit 2004 im arbeitsamen „Ruhestand“ jenseits der Erwerbsarbeit. Zwei Ehen ohne Dauererfolg, keine eigenen, aber viele Kinder, für die etwas getan werden und die man lieben kann. Herzinfarkt, Krebserkrankungen und andere Krisen wie Trennungen, früher Tod einiger Freunde oder Verlust des eigenen Hauses wegen einer Deicherhöhung verlangen immer wieder ein Einlassen auf das, was im Leben nicht gewünscht und erwartet wurde. Dies und die vielen Angebote und Geschenke, die das Leben auch macht, haben die Neugier auf die zentralen Fragen auch meines wissenschaftlichen Lebens: „ Wie lebt das Leben?“ und: „ Wie erfinden und gestalten Menschen das eigene Leben?“ geschärft. Drei Filme erzählen davon. Zwei in der Reihe „Frauengeschichten“ (NDR/RB) 1990 von Heide Nullmeyer Annelie Keil. Professorin auf Lebenszeit, auf der Suche nach der eigenen Zeit (Teil I/II) und 2004 ein Film von Jo Frühwirth im SWR mit dem Titel „ Annelie Keil: Verliebt ins Leben.“

Tanja Kessler

kesslerDie Pädagogik der Selbstbemächtigung – ein Konzept zur Unterstützung von Traumabearbeitung

Die Traumapädagogik ist eine junge Bewegung ausgehend von der stationären Jugendhilfe, die mittlerweile in vielen pädagogischen Bereichen Beachtung findet. Ein Kernstück der Traumapädagogik ist die Pädagogik der Selbstbemächtigung, wie sie von Wilma Weiß beschrieben wird. Zentral ist, für die Anwendung von Methoden in der Arbeit, die traumapädagogische Haltung. Nicht die Kinder und Jugendlichen sind verrückt, sondern das was sie erlebt, durchlebt und überlebt haben. Die Verhaltensweisen, die sie entwickeln mussten, um die Geschehnisse bestmöglich zu bestehen sind Ausdruck dessen, wie groß die Belastung war und immer noch ist. Traumatisierte Mädchen und Jungen waren oder sind Objekte der Bedürfnisse Erwachsener.

Auch wenn sie den quälenden Lebensbedingungen entkommen konnten, wirken diese nach. Die Kinder und Jugendlichen übertragen traumatische Beziehungserfahrungen. Sie verlieren schnell die Kontrolle, reagieren übererregt, dissoziieren oder erstarren. Einige Kinder und Jugendliche beschreiben das Selbst als Fernbedienung oder fremdgesteuert.

Mit der Pädagogik der Selbstbemächtigung können wir die Kinder und Jugendlichen dabei unterstützen, sich ihres Selbst wieder zu bemächtigen, die Fernbedienung selbst zu bedienen oder keine mehr zu benötigen. Die Unterstützung zur Selbstbemächtigung beinhaltet die Förderung des Selbstverstehens, der Selbstregulation, der Körperwahrnehmung, die Unterstützung der Selbstakzeptanz und die Sensibilisierung für Körperempfindungen und Gefühle.

Damit pädagogische Fachkräfte gezielt Kinder und Jugendliche in ihrer Selbstbemächtigung unterstützen können benötigen wir ein erweitertes pädagogisches Verständnis und Verstehen von Trauma, den traumatischen Prozess und einhergehenden möglichen Folgen von Traumatisierung, sowie das Wissen um das Phänomen der Übertragung und die Erkenntnisse der Bindungs- und Resilienzforschung.

Die hier aufgeführten Themen stellen die Inhalte des Hauptvortrages dar, am Samstag werden die theoretischen Aspekte mit praktischen Beispielen und Methoden vertieft.

Tanja Kessler, Erzieherin, Dipl. Sozialarbeiterin, Jg. 1975. Seit 1991 in verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern tätig, unter anderem in integrativen Kindertagesstätte, in den Bereichen der Gewaltprävention und mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen; zuletzt Einrichtungsleitung von „Ohne Worte“, Referentin im Zentrum für Traumapädagogik, Schwerpunktthema: Trauma und Behinderung.

Prof. Dr. Eva Maria Kohl

kohlPotentiale des Sprachspiels in kindlichen Bildungsprozessen – Worterfahrungen als Welterfahrungen 

Wie kann das Spiel mit der Sprache zum entscheidenden Impuls für den eigenen Wortgebrauch und den Dialog mit sich und der Welt werden?

Die Schrift, das Lesen und Schreiben sind wichtige Kulturtechniken, die das Kind in der Schule erlernt. Aber mithilfe der Schrift vermag der Mensch auch, seine Gedanken und Gefühle, Träume und Sehnsüchte zu artikulieren und somit nicht nur den Wirklichkeitsraum zu benennen , sondern auch einen Möglichkeitsraum zu eröffnen und zu beschreiben, in dem man sich gedanklich erproben kann.

In diesem Raum sind die Geschichten zuhause, bewegen sich die Verse und Rätsel, die Märchen und Sagen, die Reime und Lieder, die das Kind, bevor es selbst schriftkundig wird, erzählt und vorgelesen bekommt, und die es auch selbst mündlich weitergibt. Mit den Reimen hat das Kind sich in die Sprache hinein gespielt, mit den Versen und Liedern hat es den Wortklang erprobt und in den Märchen hat es das Staunen und Fürchten wiedergefunden, das es in seinem eigenen Leben auch schon kennen gelernt hat.

Am Beispiel verschiedener Sprachspiele und Schreibszenarien wird gezeigt, wie Kinder spielerisch und kreativ lernen, den eigenen Worten zu vertrauen und sich ihrer selbst und der Welt, in der sie leben, zu vergewissern. Vorgestellt werden u.a. die Geschichte vom „Nudelpferd“ oder der „Mitternachtsmaus“, die mit sprachspielerischen Impulsen initiiert wurden und über die Grundschulkinder ins Schreiben, Gestalten und Erzählen gelangten.

Prof. Dr. Eva Maria Kohl, seit 1998 Professorin für Grundschuldidaktik/Deutsch an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg (MLU). Autorin von zahlreichen Kinderbüchern, Hörspielen, Sprachspielbüchern und didaktischen Materialien zum freien und kreativen Schreiben mit Kindern.

Prof. Dr. Fredrik Vahle

vahleHorchen, Hören, Singen und Sagen – Inspiration und Resonanz im Spannungsfeld von Sprache, Musik und Bewegung 

Empathie und frühe Formen der Verständigung sind ohne die unterschiedlichen Formen basaler Musikalität nicht möglich. Gerade in den frühen Phasen kindlicher Entwicklung spielt diese eine zentrale Rolle. Das Hören und Horchen, Singen und Sagen, das körperlichintonativ Musikalische und Sprachliche stehen eindeutig im Vordergrund. Auch in der Geschichte der Menschheit spielten das Hören und Horchen, das Singen und Sagen zunächst eine zentrale Rolle (siehe das Beispiel Orpheus als Sänger, Tänzer, Dichter, Instrumentalist, Religionsstifter und Mitbegründer griechischer und europäischer Kultur; ein frühes Beispiel archaischer Ganzheitlichkeit) – bevor sich visuelle Kommunikation, einseitige Rationalität und Ökonomisierung zentraler Lebensprozesse in den Vordergrund drängten, sodass Empathie und Dialogfähigkeit immer mehr eingeschränkt und bedroht wurden. Dies führte kurz gesagt zu drastischer Einseitigkeit im heutigen Bildungssystem. Im Gegenzug wurde der Ruf nach wirklicher Ganzheitlichkeit immer wieder laut.

Einen elementaren Zugang zu wirklicher Ganzheitlichkeit können wir in der Integration von Sprache, Musik und Bewegung entdecken, die leider quer zu den gängigen Erziehungs- und Bildungsangeboten steht. Da jedoch, wo die leiblich-geistige bzw. die energetische Grundlage von Empathie und Dialog in Bildungs- und Erziehungsprozessen ernst genommen wird, spielt der Zusammenhang von basaler Musikalität, sprachlich-physischer Entwicklung mit den unterschiedlichen Formen leiblicher und geistiger Beweglichkeit eine ausschlaggebende Rolle.

Wie sich dies aus den hier nur angedeuteten theoretischen Grundüberlegungen im Rahmen von Kita, Schule und Alltag praktizieren lässt, soll im Gesprächsforum vorgestellt, erörtert und an Ort und Stelle praktiziert werden. „Sprache mit Herz, Hand und Fuß“ führt auf ganz natürliche Weise zu einer Motorik der Verbundenheit. Theorie, Erläuterung sowie Bewegungsübungen, Gedichte, Stimmübungen, Gesänge und Lieder wechseln dabei einander ab, auch in Hinsicht auf die ganzheitlichen Potenzen des Singens, seine Heilungs- und Läuterungsfunktionen bis hin zu einzelnen Tönen, Intervallen und Kirchentonarten. Die Frage nach dem Singen und Sagen bis hin zur Möglichkeit von spirituellen, nicht religiös gebundenen „Kinder“liedern soll ebenfalls mit praktischen Beispielen behandelt werden.

Prof. Dr. Fredrik Vahle, Autor, Kinderliedermacher, Dozent für Sprachwissenschaft an der Justus Liebig- Universität Gießen. Schwerpunktthema „Sprache und Bewegung“. Konzerte für Kinder und Erwachsene, Workshops. Zahlreiche Veröffentlichungen im Bereich Tonträger, Bücher für Kinder und Erwachsene.