Dr. Gabriele Haug-Schnabel

Sich in der Krippe zu Hause fühlen

„Möchten Sie, dass Ihr Kind sich bei uns wohl fühlt, glücklich ist, sich auch in der Krippe zu Hause fühlt?“, ist wohl eine der wichtigsten Fragen beim Aufnahmegespräch mit Eltern, die ihren Säugling oder ihr Kleinstkind in einer Krippe anmelden wollen.

Zwischen der Aussage „Ich bleib’ nur hier, wenn Mama auch hier bleibt“ und der Verabschiedung – bereits beim Wegrennen – „Tschüss Mama, holst du mich dann ab“ liegen viele Erfahrungen und mehrere Entwicklungsschritte, die Kinder höchst individuell und dadurch auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit durchlaufen.

Die Feinfühligkeit und Zugewandtheit der Erzieherin, die Signale beim elterlichen Abschied, die Attraktivität der anderen Kinder und im Alltag erlebte Selbstwirksamkeit lassen auf Ohnmachts- und Irritationsgefühle in der Startzeit bald erste Kompetenz- und Glücksgefühle erleben.

Das Forscherpaar Grossmann hat mehrere Anzeichen herausgearbeitet, an denen man erkennt, dass ein Kind in der außerfamiliären Betreuung gut und sicher angekommen ist und sich wohl fühlt. Es gehört z. B. dazu, dass sich das Kind von seiner Bezugsperson trösten und wickeln lässt, erste Spielideen hat, mit anderen Kindern kooperiert, spontan seine Bezugsperson in Erwartung einer Antwort oder einer freundlichen Interaktion anspricht, bei ihr Trost sucht, sich häufig freut, oft lacht und selten weint.

Diese Liste kann durch weitere Verhaltensbeobachtungen noch ergänzt werden.

Einen klaren Hinweis darauf, dass ein Kind weiß, nun zur Gruppe zu gehören, hier seinen Platz gefunden zu haben und diesen auch behalten zu wollen, erhält man vor allem dann,

  • wenn es beginnt, sich an Meinungsverschiedenheiten zu beteiligen,
  • die Erzieherin oder ein anderes Kind an etwas Versprochenes erinnert
  • und auch mal vehement auf seinem Recht besteht.

Denn nur wer sich zugehörig fühlt, legt Wert darauf, Einfluss zu nehmen und engagiert sich. Man kämpft nur für das, was einem wichtig geworden ist und was man nicht verlieren möchte. Denn wer will schon sein Glück verlieren?

Priv. Doz. Dr. rer. nat. Gabriele Haug-Schnabel ist Verhaltensbiologin und Völkerkundlerin. Sie initiierte und leitet seit 1993 die Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM, Kandern), in der sie zusammen mit Dr. Joachim Bensel und Mitarbeiterinnen bereits eine Vielzahl von interdisziplinären Forschungsprojekten. Fachveröffentlichungen und Fortbildungen zum kindlichen Verhalten durchgeführt hat, um die qualitativen Voraussetzungen für eine gute Entwicklung von Kindern vom Säuglings- bis ins Pubertätsalter zu erarbeiten. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Freiburg, Expertin mehrerer Fachgremien zur Kindheitsentwicklung und Autorin von Fachbüchern zum kindlichen Verhalten.

Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber

Das grosse Unglück traumatisierter Kinder

In der großen Frankfurter Präventionsstudie in 14 Frankfurter Tagesstätten haben wir einen eindrücklichen Einblick in heutige Kindheiten erhalten. Gott sei Dank haben wir viele Kinder kennen gelernt, denen es wahrscheinlich so gut geht wie noch nie, gerade hier in Deutschland: Sie wachsen mit einfühlsamen Eltern auf, die Verständnis für kindliche Bedürfnisse und Entwicklungsprozesse haben und ihren Kindern viele glückliche Momente ermöglichen, sie aber auch in Momenten von Kummer, Sorgen und Trauer nicht alleine lassen.

Doch beunruhigt gleichzeitig, dass die soziale Schere immer weiter auseinanderzudriften scheint: In der gleichen Stadt leben Kinder absolut am Rande der Gesellschaft, umgeben von seelischem und sozialem Elend. Wie anhand von Fallbeispielen gezeigt werden soll, reagieren Kinder mit extremer Gewalt auf oft für uns kaum vorstellbare Traumatisierungen, die ihnen sowohl die Chance zerstörten, einigermaßen stabile Bindungen als auch ein kohärentes Selbst zu entwickeln. Die erlebten Traumatisierungen übersteigen die seelischen Verarbeitungsmöglichkeiten des kindlichen Ichs und zerschlagen seinen psychischen Schutzschild. Dadurch zerbricht nicht nur das basale Vertrauen in die Fähigkeiten des Selbst, sondern auch in einen helfenden Anderen und eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft. Das Zeitgefühl bleibt stehen, der Sinn für die eigene Existenz geht verloren. Gewalt gegen das eigene Selbst und Andere sind mögliche Folgen.

Im Vortrag soll u.a. anhand von einigen Kinderzeichnungen und Beispielen aufgezeigt werden, wie traumatisierte Kinder versuchen, uns ihren inneren Zustand mitzuteilen, ihre Verzweiflung, ihre Gewalterfahrungen, ihre entsetzliche Angst und ihre extreme seelische Not.

Auch wenn wir uns alle lieber mit Glück und den Sonnenseiten des Lebens beschäftigen, dürfen wir den Blick nicht abwenden vom extremen Unglück traumatisierter Kinder, die mitten unter uns leben. Je früher ihre Hilfeschreie verstanden und ernst genommen werden, umso eher können wir ihre Traumatisierungen mildern und ihnen zu einer einigermaßen adäquaten Entwicklung verhelfen. Ihnen daher frühe, professionelle Hilfe anzubieten, erweist sich als dringende individuelle, institutionelle und gesellschaftliche Aufgabe.

Dr. phil. Marianne Leuzinger-Bohleber, Professorin für Psychoanalytische Psychologie an der Universität Kassel; Geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main; Lehranalytikerin (DPV); Visiting Professor: University College London, Chair des Research Subcommittees for Conceptual Research Arbeitsgebiete: Klinische und empirische Forschung in der Psychoanalyse, Adoleszenz, psychoanalytische Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse und Cognitive Science / Literaturwissenschaften / Wissenschaftstheorie

Dr. Olaf-Axel Burow

Zur Renaissance des Glücks – Überlegungen zu einer vergessenen Dimension der Bildung

Ein merkwürdiger Widerspruch charakterisiert die gegenwärtige Situation unseres Bildungswesens: Während Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die zentrale Bedeutung von Bildung für das Bestehen in einer konkurrenzzentrierten globalisierten „Wissensgesellschaft“ hervorheben, stagnieren die Ausgaben für Bildung und Erziehung – mit dem Ergebnis, dass die Chancen großer Teile der heranwachsenden Generation auf Teilhabe weiter sinken.

Mit der Aufgabe der Vision einer gerechten Gesellschaft und der Hinnahme einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, geht eine Konzentration auf Elitenförderung einher, die die Spaltung weiter vorantreibt. Ein aus betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen übernommenes, verkürztes Effizienzdenken hat längst den Bildungsbereich erreicht. Nicht wenige Pädagogen/innen sind zu Erfüllungsgehilfen einer Politik geworden, die überwiegend in ökonomischen Kategorien denkt und Pädagogik einseitig dem Paradigma des messenden Vergleichs unterwirft. Auf der Strecke bleiben dabei die antiquiert erscheinenden Erziehungsziele von Emanzipation und Mündigkeit.

Kinder und Lehrer werden in der neuen „Turboschule“ (Reheis)zu ohnmächtigen Teilnehmern am kapitalistischen Steigerungsspiel (Schulze) degradiert, indem sie nicht an ihren individuellen Potenzialen, sondern an vorgegebenen Standards gemessen werden. Permanentes Überprüfen und Kontrollieren gibt vor, der besseren Zielerreichung zu dienen, sorgt aber allzu oft für eine verschärfte Form der Gleichschaltung. Der vermessene und optimierte Mensch ist das Ideal dieser neuen „Leistungsgesellschaft“, die auf ihrer Rückseite in wachsendem Maß Deidentifikation, Demotivation oder gar Depression erzeugt.

Angesichts dieser Entwicklung vertrete ich die These, dass wir eine Rückbesinnung auf elementare Werte benötigen, die geeignet sind, Bildung und Erziehung zu leiten. Dabei geht es nicht um ein normatives Konzept, sondern um eine Freisetzung unseres „Tiefenwissens“ bzw. der „Weisheit der Vielen“. Denn auch hier tut sich ein merkwürdiger Widerspruch auf: Obwohl Forscher emsig bemüht sind, herauszufinden was eine „gute Schule“ ist, wissen das Schüler, Lehrer und Eltern längst und können dies auch sehr genau beschreiben – vorausgesetzt sie verabschieden sich einen Moment von der traditionellen Grammatik der Schule und begeben sich auf eine Traumreise in die von ihnen ersehnte Schule der Zukunft. Wie unsere Erfahrungen aus den letzten 20 Jahren mit einer Vielzahl von Kollegien zeigen, ist Glück die zentrale Kategorie, die so gut wie alle nennen. Und besser noch: Fast alle können beschreiben, wie diese „Glücksschule“, in der sich Schüler und Lehrer optimal entfalten können, aussieht. Ein Weg zur Entdeckung dieses unterschätzten, intuitiven „Schulentwicklungswissens“, liegt in der Freisetzung innerer Bilder, in denen wir unser Wissen über die für uns geeigneten Lern- und Entwicklungsbedingungen verdichtet haben. Die Entwicklung von Umgebungen, die Glückserfahrungen ermöglichen, erweist sich dabei nicht nur als Schlüssel für erfolgreiche Bildung, sondern sorgt auch dafür, dass Schüler und Lehrer „Spitzenleistungen“ erzielen – dies hat der Glücksforscher Csikzentmilhalyi in seinen Studien gezeigt. In meinem Vortrag möchte ich Hinweise geben, wie wir dieser vergessenen Dimension der Bildung mehr Raum geben können.

Dr. Olaf-Axel Burow, (Jg.51) ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel. Derzeitiger Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung der Theorie des Kreativen Feldes und deren Umsetzung mit spezifischen Verfahren in den Bereichen Kreativitäts- und Innovationsförderung, Schul- und Organisationsentwicklung, Bürgerbeteiligung, Social Entrepreneurship.

Prof. Dr. Fredrik Vahle

Herz, Sprache, Hand und Fuß – Übung und Beispiel zu Sprache, Bewegung und Singen

Wie lassen sich Bewegung, Sprache und Poesie miteinander verbinden? Bleibt man da sitzen oder ist Bewegung notwendig? Wie fängt das an, wie geht das los, wie kann man‘s begreifen und in der Bewegung zum Erlebnis machen? Kommt‘s nur aus dem Kopf, oder müssen Füße und Hände ihren eigenständigen Teil dazu beitragen? Lässt sich damit Bildung beweglicher, erlebnisreicher und sinnlicher gestalten? Fredrik Vahle versucht, auf diese Fragen in Geh-dichten, Übungen und einfachen Liedern eine Antwort zu geben.

Prof. Dr. Fredrik Vahle, Autor, Kinderliedermacher, Dozent für Sprachwissenschaft an der Justus Liebig-Universität Gießen. Schwerpunktthema „Sprache und Bewegung“. Konzerte für Kinder und Erwachsene, Workshops. Zahlreiche Veröffentlichungen im Bereich Tonträger, Bücher für Kinder und Erwachsene.

Prof. Dr. Renate Zimmer

Bildung braucht Bewegung

Bildung ist mehr als Wissenserwerb, sie schließt auch emotionale, soziale und ästhetische Kompetenzen ein. Bildung ist immer an die Eigenaktivität des Kindes gebunden, dabei spielen die sinnlichen Erfahrungen des Kindes und sein Bewegungshandeln eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen dem Kind von klein auf das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit – eine wichtige Quelle von „Glücksgefühlen“.

In Bewegungshandlungen erleben Kinder, dass sie Ursache bestimmter Effekte sind. Im Umgang mit Dingen, Spielsituationen und Bewegungsaufgaben rufen sie eine Wirkung hervor und führen diese auf sich selbst zurück Das Handlungsergebnis verbinden sie mit der eigenen Anstrengung, dem eigenen Können – und so entsteht ein erstes Konzept eigener Fähigkeiten. Sie lernen im Experimentieren und Ausprobieren: Ich habe etwas geschafft, ich kann es, – und dieses Gefühl stellt die Basis für das Selbstvertrauen bei Leistungsanforderungen dar.

Die eigenen Handlungen werden als sinnerfülltes Tun erlebt.

Bewegungserlebnisse sind meist emotional besetzt, sie werden aufgesucht aus der Freude am eigenen Tun –die beste Voraussetzung für nachhaltige Lernprozesse.

Ein pädagogisches Konzept, das auf der Grundlage des Zusammenwirkens von Bewegung, Wahrnehmung, Fühlen, Denken, Erleben und Handeln konzipiert ist, wird zu einer vielseitigen, nachhaltigen Bildung des Kindes beitragen und dabei auch seine Freude am heutigen Tag, am Spiel und an der eigenen Anstrengung berücksichtigen.

Prof. Dr. Renate Zimmer, Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück. Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt „Frühe Kindheit“ Zahlreiche Publikationen zur Entwicklungsförderung, Bewegtes Lernen, Psychomotorik, die in vielen Sprachen übersetzt worden sind. Leiterin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung.