Prof. Dr. Sabine Andresen

Jugendkulturen als Entfaltungsräume. In welchem Verhältnis stehen Familie, Schule und Gleichaltrige?

Im Prozess des Aufwachsens übernehmen Kinder und vor allem Jugendliche immer mehr Rollen außerhalb ihrer Familie und entwickeln komplexe Rollensets. Dabei bilden sie auch unterschiedliche Fähigkeiten aus. Die Teilhabe an einer Jugendgruppe kann sich auch auf die Position des Jugendlichen in seiner Familie sowie auf seine Motivation zum Lernen in der Schule auswirken. Von besonderer Bedeutung scheint jedoch die Fähigkeit zu sein, Freundschaften bilden und aufrechterhalten zu können. Der Vortrag geht diesen Aspekten anhand theoretischer Überlegungen und empirischer Daten aus der Jugendforschung nach. Dabei wird auch die Frage gestellt, welche Möglichkeiten die Schule, aber auch die Kinder- und Jugendhilfe haben, das positive Potenzial von Jugendkulturen in ihre Arbeit zu integrieren.

Prof. Dr. Sabine Andresen, (Jg. 1966) ist verheiratet und hat eine Tochter. Seit 2004 ist sie Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld. Zusammen mit Klaus Hurrelmann hat sie die wissenschaftliche Leitung der World Vision Kinderstudie 2007, die ähnlich wie die Shell Jugendstudie konzipiert ist. Sie ist Mitherausgeberin des Jahrbuchs für Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft.

Dr. Eckhard Schiffer

Lerngesundheit. Lebensfreude und Lernfreude in der Schule und anderswo

Lernprozesse begründen bereits vorgeburtlich, verstärkt dann „ab dem ersten Schrei“ die seelisch-körperliche Gesundheit eines Kindes. Umgekehrt ermöglicht Gesundheit ein bestmögliches, intrinsisch motiviertes Lernen. In der Begegnung zwischen einem Kind und seinen Bezugspersonen lassen sich Lernprozesse in Gang setzen, die „LernGesundheit“ fördern. Diese ereignen sich insbesondere im Rahmen spielerischschöpferischer Aktivitäten mit reichhaltiger, dialogisch eingebundener affektusensumotorischer Erfahrung, wodurch Bindungssicherheit und ein starkes Kohärenzgefühl als Grundlage von Gesundheit, Lebens- und Lernfreude entstehen.

Bindungssicherheit und Kohärenzgefühl ermöglichen auch in der Schule sowohl die Entfaltung eines Zugehörigkeitsgefühles als auch spontanes Erkundungsverhalten im Sinne von Funktionslust und Neugierde auf Welt. Zugleich werden Kräfte gegen ADHS , Sucht und Gewalt aktiviert.

Vorgestellt werden in dem Referat Lernprozesse im Kontext des Salutogenese-Modells und ihre praktische Umsetzung in der Schule. Aber auch der Gesundheit abträgliche Lernprozesse werden aufgezeigt. Vorrangig wird das Salutogenesekonzept erläutert und mit Ergebnissen der beobachtenden Bindungs- und Säuglingsforschung sowie der Neurobiologie verknüpft.

Dr. Eckhard Schiffer, Studium der Medizin und Philosophie. Chefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin mit integriertem familientherapeutischen Zentrum am Christlichen Krankenhaus Quakenbrück, Niedersachsen. Wissenschaftlicher und publizistischer Schwerpunkt sind „der Mensch in den Intermediärräumen des Spielens und des Dialoges“ sowie das Zusammenwirken von Prävention und Salutogenese.

Dr. Karl Heinz Brisch

Die Bedeutung früher Bindung für das Zugehörigkeitsgefühl

Die Entwicklung einer sicheren emotionalen Bindung eines Kindes an seine Eltern wird heute als ein bedeutender Schutzfaktor in der kindlichen Entwicklung betrachtet. Kinder mit einer sicheren Bindung können sich etwa besser in die Gefühle anderen Menschen hineinversetzen, sind kreativer, haben mehr Freunde, und finden rascher Lösungsmöglichkeiten in schwierigen Situationen. Nach einer Einführung in die Bindungstheorie werden die Voraussetzungen zur Entwicklung einer sicheren Bindung an einzelne und an Gruppen mit Hilfe von Videobeispielen aufgezeigt.

Eine sichere Bindung fördert auch das Zugehörigkeitsgefühl in Gruppen, wie etwa in Kita, Kindergarten und Schule und ist die Grundlage für eine sichere Gruppen-Bindung.

Die Bindungsentwicklung an einzelne Personen sowie an Gruppen ist allerdings durch vielfältige Einflüsse störbar, so dass Eltern, ErzieherInnen und Kinder eine Hilfestellung benötigen. Unverarbeitete traumatische Erfahrungen der Eltern und des Kindes, sowie auch der ErzieherInnen können sogar zur Entwicklung von desorganisierten Bindungen und Bindungsstörungen führen. Eine mögliche Förderung der sicheren Bindung durch das Programm „SAF E® – Sichere Ausbildung für Eltern“ sowie durch das Programm „B.A.S.E.®- Babywatching im Kindergarten“ werden vorgestellt.

Dr. med. habil. Karl Heinz Brisch, Privatdozent, ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapeutische Medizin und Nervenheilkunde sowie Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Gruppen. Er leitet die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Dozent sowie Lehr- und Kontrollanalytiker am Psychoanalytischen Institut Stuttgart. Sein Forschungsschwerpunkt umfasst den Bereich der frühkindlichen Entwicklung zu Fragestellungen der Entstehung von Bindungsprozessen und ihren Störungen sowie der Prävention. Er publizierte zur Bindungsentwicklung von Risikokindern sowie zur klinischen Bindungsforschung und verfasste eine Monographie zur Anwendung der Bindungstheorie in der psychotherapeutischen Behandlung von Bindungsstörungen.

Prof. Dr. Matti Meri

Eine Schule des Willkommenheissens

Fast zehn Millionen Schülerinnen und Schüler besuchen allgemeinbildende Schulen in Deutschland. Das sind zehn Millionen Individuen. Im Unterricht werden die individuellen Bedürfnisse, Interessen und Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen nicht immer entsprechend berücksichtigt. In manchen Bundesländern ist der Sinn für individuelle Förderung deutlich geringer ausgeprägt als in anderen. Das ändert sich gerade, denn individuelle Förderung rückt immer mehr ins Zentrum des aktuellen pädagogischen Denkens und Handelns.

Es gibt zwei Hauptfragen bei der Individualisierung des Unterrichts: wie man Lehrkräften das Einmaleins der individuellen Förderung vermittelt und wie man mit Elternhäusern zusammenarbeiten kann.

Im Vortrag wird gezeigt, wie es darauf ankommt, das Bedeutende im scheinbar Unbedeutenden zu sehen. Das geschieht mit Hilfe pädagogischer Leitfragen wie: „Was bedeutet es, anzufangen?“ „Welche Bedeutung hat das Geschehen in der Klasse für den Einzelnen?“

In der finnischen Pädagogik beginnt Erziehung in der ersten Unterrichtsstunde, ohne große Umwege und Vorbereitung. Es wird herausgearbeitet, dass das gegenseitige Vertrauen der „wichtigste Schlüssel“ im Verhältnis zwischen Kindern, Kindern, Eltern und Lehrern ist. Vertrauen schließt aber auch ein, den Kindern und Jugendlichen etwas zuzutrauen. Vertrauen und Zutrauen stehen in einem engen Wechselverhältnis. In jeder Klassengemeinschaft gibt es Persönlichkeiten, nicht nur Namen.

Im lebendigen Vollzug wird demonstriert, wie die Pädagogik des Willkommenheißens praktiziert werden kann.

Prof. Dr. Matti Meri, 63 Jahre alt, war in einer Grundschule als Lehrer 29 Jahre tätig, Dissertation 1992 mit dem Thema „Wirkung des versteckten Curriculums“, Lektor an der Universität Helsinki ab 1995, Professor der Didaktik ab 2002, Leiter des Instituts für Angewandte Erziehungswissenschafen 2004-06, verheiratet, 2 Kinder und 3 Enkelkinder.